Der Zinseffekt - Exponentielles Wachstum verstehen

Erschienen: 15.06.2017 | Thema: Finanzielles Basiswissen | Lesezeit: 4 Min.

Wer sein Geld eigenständig und erfolgreich für sich arbeiten und somit vermehren lassen will, der muss den grundlegenden Motor unseres globalen Finanzsystems kennen und verstehen: der Zins. Nicht umsonst lauscht ganz Europa, ja sogar die ganze Welt, wenn Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank regelmäßig vor die Presse tritt und die zukünftige Festsetzung des Leitzins verkündet. Doch warum ist der Zins so entscheidend und wie können Sie von Zinseffekten profitieren? Wir haben das Basiswissen in diesem Artikel zusammengefasst.

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Die Natur macht vor, wonach Anleger, Börsenprofis und die Weltwirtschaft streben: perfektes und stetig zunehmendes Wachstum. Selbst mikroskopisch kleine Bakterien vermehren sich nach einem Prinzip, welches sich mathematisch als quadratische Funktion beschreiben lässt. Oder um es einfach auszudrücken: Sie teilen sich einfach. Stellen Sie sich ein einzelnes Bakterium vor, ein mikroskopisch kleines Wesen. Alle 30 Minuten teilt es sich. Nach einer Stunde sind auf diese Weise vier Bakterien entstanden und wieder eine Stunde weiter werden es schon 16 sein. Das hört sich zunächst nicht wirklich spektakulär an, doch schließlich dauert es nur zehn Stunden, bis die Kolonie bereits aus mehr als einer Millionen Bakterien besteht.

Auch die Bevölkerungsentwicklung des Menschen, lässt sich seit dem Beginn der Neuzeit als ein annähernd exponentielles Wachstum beschreiben. Fortschritte in Medizin und Landwirtschaft führten zu einer enormen Verringerung der Sterberaten durch die Ausrottung von Hunger und Krankheiten in vielen Teilen der Erde. Besonders im letzten Jahrhundert ließ sich dadurch sehr gut beobachten, wie sehr sich ein ungehinderter exponentieller Verlauf auswirkt: Lebten 1927 noch zwei Milliarden Menschen auf der Erden, so waren es 1960, nach 33 Jahren schon drei. Bis zur Geburt des vier milliardsten Menschen dauerte es jedoch nur 14 weitere Jahre (1974). Heute hat sich diese Zahl sogar noch einmal fast, auf knapp 7,5 Mrd. verdoppelt.

Betrachtet man die beiden oben aufgeführten Beispiele, so lassen sich zwei Faktoren ableiten, die herausragendes Wachstum charakterisieren - Zeit und Beständigkeit. Da exponentielles Wachstum als eine Kurve beschrieben werden kann, die zunächst nur sehr flach ansteigt, braucht es eine gewisse Zeit bis große Zuwachsraten erreicht werden. Ebenso wichtig ist es daher, wie sich am Wachstum der Bevölkerung erkennen lässt, dass keine störenden Einflüsse das Wachstum vermindern. So dauerte es auf Grund von Hunger, Kriegen und Epidemien mehrere tausend Jahre, bis die Menschheit eine Zahl von zwei Milliarden erreichen konnte.
Was in der Natur funktioniert, lässt sich ebenso auch auf finanzielle Entwicklungen und die Schaffung von Reichtum und Wohlstand übertragen.

Exponentielles Wachstum und Ihre Finanzen

Viele Menschen können sich Wachstum nur linear, also in Form einer Geraden vorstellen. Jeden Monat wandern 50 Euro in die Spardose. Das Guthaben wächst also stets um die gleiche Summe an und dieser Umstand verändert sich auch nicht. Genau genommen sinkt der Wert des gesparten Betrags sogar im Laufe der Zeit immer weiter, da der Geldbetrag durch die stetige Inflation langsam an Kaufkraft verliert. Das soll in diesem Artikel allerdings nicht näher betrachtet werden.

Wenn das Geld nun statt in der Spardose, auf ein Tagesgeldkonto wandert, wird aus dem linearen Wachstum ein exponentielles Wachstum. Den Unterscheid dabei macht der Zins. Aktuell liegt dieser je nach Bank und Konditionen bei etwa 0,3%. Dadurch ergibt sich zwar zur Zeit ein eher enttäuschender Wertzuwachs, ist aber besser als die Variante mit der Spardose. Die exponentielle Kurve verläuft hier sehr flach, aber sie gewinnt, genau wie bei den obigen Beispielen im Laufe der Zeit an Steigung. Wichtig dabei ist, dass die erhaltenen Zinsen nicht von dem Konto entnommen werden, sondern für weiteres Wachstum sorgen. Hier findet sich die oben beschriebene Beständigkeit wieder, die für den sogenannten Zinseszinseffekt sorgt.

Klingt doch alles nach nichts Neuem? - Vielleicht denken Sie das jetzt und doch machen wir uns die enorme Bedeutung und Kraft des Zinseszinseffekts häufig nicht klar. Dann betrachten wir nämlich nur den anfänglichen langsamen und mühsamen Verlauf des exponentiellen Wachstums und neigen dazu den Wertzuwachs zu verhindern. Soll ich die Steuerrückzahlung in einen guten Aktienfond stecken oder lieber in ein tolles neues Smartphone? Wie würden Sie entscheiden? Viele wählen wohl lieber das Handy.

Eine einfache Formel

Sie wollen mit 65 in den Ruhestand gehen und das mit einem soliden finanziellen Polster? Das Rezept haben Sie in diesem Artikel kennen gelernt: Fangen Sie so früh wie möglich mit dem Sparen und investieren an und halten Sie es einfach durch. Je weniger Zeit Ihnen bleibt, weil immer wieder andere Ausgaben wichtiger waren - das neue Auto, die tolle Kreuzfahrt, die praktische Outdoorjacke - desto weniger können Sie von den Effekten des exponentiellen Wachstums profitieren. Behalten Sie diesen Grundsatz bei allen größeren Ausgaben im Blick. Auch wenn es finanziell mal eng werden sollte, versuchen Sie immer ihr monatliches Sparziel zu erfüllen. Natürlich ist das im Alltag nicht immer einfach, aber finanzieller Wohlstand ist eine Lebensaufgabe und -einstellung. Kein Geschenk.

Die Grafik zeigt, dass schon bei einem moderaten Startkapital von 10.000 Euro und einer jährlichen Sparrate von 1.000 Euro (83 Euro im Monat) ein Vermögen von mehr als 140.000 Euro bis zum Beginn der Rente aufgebaut werden kann. Vor Armut im Alter brauchen Sie sich dann nicht mehr zu fürchten. Als Zins bzw. Rendite wurde hier mit 7% pro Jahr gerechnet, was dem durchschnittlichen Wachstum des DAX über viele Jahre entspricht. Und mit der richtigen Anlagestrategie ohne großes Risiko erzielt werden kann.

Auch wenn Sie aber mit weniger Zinses rechnen oder nur geringere Beträge anlegen können, das Wachstum bleibt exponentiell und darauf kommt es schließlich an. Denken Sie daran: Wir leben in nicht-linearen Zeiten!

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